• Stephan Busch

Das Flusskreuzfahrt Debakel 2020 - der Winter wird lang & sehr kalt werden

Updated: Sep 20



Rasanter Aufstieg bis zum fast kompletten Stillstand

Flusskreuzfahrten sind in den letzten Jahren zu recht populär geworden fuer alle Schichten der Gesellschaft. Von billig bis moderat, von teuer bis sehr exklusiv. Fuer alle war etwas dabei. Der Hauptanteil - vor allem dank Vikings Werbung und PR - fuer alle Flusskreuzfahrtfirmen waren die Amerikaner und der Englisch sprechende Markt (UK, Australien, Kanada, etc.) mit 75%. Aber auch Deutsche, Schweizer, Franzosen, Spanier und Südamerikaner entdecken diese Art von Tourismus fuer sich. In den letzten Jahren wurde sogar viele Schiffe exklusiv nur fuer Chinesische Gäste bereitgestellt.


Die Zeiten, in denen die Schiffe ausgebucht waren sind vorbei

Es war kein Problem die Schiffe von März bis November und dann noch mit den Reisen zu den Weihnachtsmärkten voll zu buchen. Es wurde schon zu einem Problem einen Liegeplatz zu finden (insbesondere in Häfen wie Amsterdam, Wien und Budapest).

Jetzt ist Amsterdam leer. Und Wien, Budapest und Antwerpen. Wo 40 Flussschiffe gleichzeitig lagen, anlegten, Gäste abreisten und ankamen, sich mit den Hochseeschiffen mischten und Hafenrundfahrten dazwischen fuhren - es ist jetzt leer - es ist tot. Es ist gespenstisch!


Die Zeiten in denen der Transport von Passagieren vom Flughafen zum Schiff logistische Albträume waren sind Vergangenheit.


Heute prognostiziert die Airline-Branche in ihrer optimistischsten Haltung eine Erholung erst frühestens 2024.


“Der weltweite Passagierverkehr (Umsatz-Passagierkilometer oder RPKs) wird erst 2024, ein Jahr später als zuvor prognostiziert, auf das Niveau vor COVID-19 zurückkehren. “

(Offizielle Erklärung der IATA, Juli 2020)

https://www.iata.org/en/pressroom/pr/2020-07-28-02/)


Die Zeiten, in denen die Werften ausgebucht waren sind vorbei

In den letzten Jahren war es finanziell kein Problem neue Schiffe zu bestellen - aber bei so vielen neuen bestellten Schiffen wurde es zum Problem Werften zu finden die Platz für einen weiteren Neubau hatten. Die Werften waren bis 2026 ausgebucht.


Heute sagt Bernd Meyer (Meyer Werften Papenburg, Deutschland) eine Zukunft voraus, die für alle Werften bedenklich ist:


"Nie zuvor hat die gesamte Kreuzfahrtflotte mit über 400 Schiffen ihren Betrieb eingestellt", sagte er. Meyer prognostiziert, dass die Erholung noch weit entfernt ist - er geht davon aus, dass es 2030 sein wird, bevor der Markt für Kreuzfahrtschiffe dem des letzten Jahres entspricht.


In seiner Ansprache (an seine Mitarbeiter) führte Meyer frühere Krisen an, insbesondere die Ölkrise von 1973, die eine Tanker-Marktkrise und eine Strukturkrise für die deutsche Schiffbauindustrie auslöste. "Wir brauchten 20 Jahre, um dorthin zurückzukehren, wo wir 1973 waren", sagte er.

(Frederik Erdmann | 16. April 2020 https://www.seatrade-cruise.com/news/amid-order-shifts-cutbacks-cruise-market-will-need-decade-recover-bernard-meyer


Diese Erklärung wurde im April abgegeben aber seitdem gingen fünf Kreuzfahrtunternehmen bankrott und allein Carnival (das größte Kreuzfahrtunternehmen) hat bis heute 18 Schiffe aus der Flotte genommen ( Schrott). Die Zukunft sieht nicht rosig aus.


Die Zeiten in denen die Belieferung eines Schiffes mit allem Notwendigen eine Herausforderung war sind vorbei

Die Lieferanten lieferten gerne und viel Lebensmittel, Getränke, Haushaltswaren, Wartungsmaterialien und alles andere, was ein Schiff benötigt. Einige Häfen begannen, das Laden von Schiffen in ihren Häfen zu verbieten, da die Masse der Busse, die Gäste zu Schiffen und Ausflügen transportierten und die Menge an Lastwagen die zur Versorgung von Schiffen benötigt wurden, zu einem Verkehrsalptraum wurden.


Flusschiffe fuer lange geparkt - in Koeln


Als die Corona Panik im März began waren alle Lager der Lieferanten voll um die Flotten all der startbereiten Flusskreuzfahrtsfirmen mit über 400 Schiffen monatelang zu versorgen die bis November ausgebucht waren. Der schlimmste Zeitpunkt fuer Lieferanten. Wäre die Corona panik im Dezember gekommen hätten sie nicht eingekauft - so waren Ihre Lager im März aber zum Bersten voll. Die Bestellungen kamen nie. Einige Lieferanten haben sogar begonnen direkt aus ihren Lagern an jedermann zu verkaufen um Verluste zu minimieren. Der Rest ging in den Mülleimer. Und der Rest war groß!


Die Zeiten, in denen wir uns über zuviele Touristen beschwerten sind nur noch Erinnerung

Über Tourismus wurde ein Problem als kleine Städte wie Duernstein und Cochem an einem Tag mehr Gäste sahen als sie Bürger in den letzten 500 Jahren hatten. (Cochem hat 5.000 Einwohner und ca. 5.000.000 Tages- und Übernachtung Touristen pro Jahr).

Die Straßen sind jetzt leer, die Reiseleiter verzweifelt und die wenigen Weinhändler waren noch nie so freundlich und verwirrt. Wie ein Tourmanager erwähnte war es ein Augenöffner, die leeren Pubs und Weinhandlungen zu sehen. Aber es zeigte sich auch, dass sie seit den 70er Jahren nicht mehr investiert, renoviert oder die Möbel gewechselt hatten. Sie mussten nie! Jetzt sah man plötzlich die Stühle. Warum einen Stuhl wechseln, wenn jemand darauf sitzt?


Der Himmel war die Grenze

Vor zwanzig Jahren, im Jahr 2000, zählten die See Kreuzfahrtschiffe 7 Millionen Gäste. Für 2020 betrug die Anzahl der gebuchten Gäste bis zu 32 Millionen.


Flusskreuzfahrt Tourismus wuchs genau so schnell und die ersten Enten mussten an Land gehen weil sich die Flüsse jedes Jahr mit neuen Schiffen füllten. Die Enten sind zurück und haben Spass am Platz!


Crew von überall - nicht mehr!

Als zu Beginn des Booms der Flusskreuzfahrt die Besatzung hauptsächlich aus Westeuropa stammte wechselte es mit der gestiegen Auslastung nach Osteuropa und Filipinos und Indonesier wurden eingeflogen um die Nachfrage jedes Jahr zu befriedigen. Die Arbeitsbedingungen und sozialen Leistungen gingen im selben Massstab zurück.


Das nautische Personal vom Kapitän zum Seemann wurde schneller befördert sie lernen konnten und auch hier sank die Qualität. Glücklicherweise gab es genug Verkehr, um Erfahrungen zu sammeln aber je schneller die Branche wuchs desto dünner wurde auch die Schicht qualifizierter Mitarbeiter.


Während Corona wurde das Personal schnell entlassen. Einige Unternehmen wie Viking zahlten immer noch aber auch hier - mit den anhaltenden Problemen - musste dies an einem Punkt aufhören. Die wenigen Mitarbeiter die dieses Jahr überhaupt kommen konnten hatten nur wenige Kreuzfahrten ohne Trinkgeld und unangekündigte Gehaltskürzungen von bis zu 30%. Dieselbe Arbeit, dieselben Stunden, dieselbe Anwesenheit - 24 Stunden an Bord - nur kein Einkommen, das den Weg zur Arbeit - zu Ihrem Arbeitgeber - rechtfertigte. Dies wird ein Bumerang fuer die Flusskreuzfahrtfirmen und Ihre Personal Abteilungen werden da die Leute nicht zweimal auf dieselbe Methode hereinfallen und andere warnen werden. Qualifiziertes Personal - so selten wie es früher schon war- wird Vergangenheit sein!


Vorhersagen?


Zurück zu normal?

Zurück zu normal wird es nicht geben. Angesichts der Tatsache, dass die Fluggesellschaften mit ihren optimistischsten Aussichten keine Rückkehr zur Normalität vor 2024 erwarten, könnte die Flusskreuzfahrtindustrie keine Rückkehr zur Normalität erwarten - Rückkehr zu den Zahlen von 2019 - nicht vor 2024 - 2026 berücksichtigt man, dass 75% des Marktes immer noch amerikanisch sind und englischsprachig (Großbritannien, Australien usw.)


Die Insolvenz vieler großer und kleiner Reisebüros wird sich ebenfalls auswirken. Die Anzahl der Schiffe wird reduziert werden müssen.


Wer kann es sich noch in den nächsten Jahren leisten?

Allein in Deutschland sind die Gehälter während der Corona um 11 bis 17 Prozent gesunken. (Statista.com 18.09.2020)

Das reichste Land Europas? Dies gilt nur für die glücklichen Menschen die noch einen Job haben. Wie können alle sich in Zukunft Kreuzfahrten leisten?


Besatzung?

In Anbetracht der Zeitspanne für die Erholung (2024 - 2026) müssen alle Crew Mitglieder nach anderen Einkommensquellen und neuen Arbeitsplätzen suchen. Wie schwierig das sein mag - die meisten wirklich guten und qualifizierten werden Erfolg haben. Die Flusskreuzfahrtindustrie und ihre Personalabteilung müssen ihre Einstellung, Verhalten und Vergütungen anpassen und ändern und ihren Ansatz enorm verbessern, um Mitarbeiter zu gewinnen die zumindest die grundlegenden Aufgaben erledigen können. Es ist an der Zeit ganze HR Abteilungen aufzulösen und ganz neu - von Null - aufzubauen.


Flusskreuzfahrt als solche?

Es ist eine großartige Art zu reisen und boomte zu Recht und bot den Gästen eine einzigartige Möglichkeit neue und alte Orte bequem zu erreichen und zu entdecken. Flusskreuzfahrten haben Ihren Platz gefunden und werden weiterhin existieren. Hoffentlich erholt es sich schneller, als wir jetzt vielleicht glauben. Es muss sich viel verbessern und verändern. Die Unternehmen die bereit sind das Geschäft und die Bedingungen die sie für Gäste und Mitarbeiter festlegen zu ändern, zu verbessern und zu überdenken, werden Erfolg haben. Die Anderen werden wir nicht vermissen.


Es ist an der Zeit Leute anzustellen die Erfahrung und Hirn haben aber auch die Beine an Deck hatten. In einer Industrie die von selbst wuchs - wie bisher- war viel Platz fuer Corporate Selbstbeweihraeucherung. Jetzt braucht es Leute die wissen wie man anpackt und - vor allen Dingen - wo!


Vorhersagen sind Annahmen und viel Raten. So negativ sie auch jetzt aussehen mögen wir sollten den Hoffnungsschimmer behalten dass wir überrascht werden und es sich zum Besseren ändert.


Autor: Stephan Busch, Akademischer Direktor an der Staatlichen Universität für Geisteswissenschaften Moskau RGGU, der Fakultät für Tourismus und Gastgewerbe und der Swiss International University, erwarb sein Master-Zertifikat in Hospitality Management an der Cornell University, USA. Er verfügt über vielfältige Erfahrungen in der Inbetriebnahme, Geschäftsentwicklung und Serviceschulung für Hotel- und Kreuzfahrtunternehmen in Asien, Europa, Kanada und Russland.

www.itsjusthotelsservice.com, contact@itsjusthotelsservice.com


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© 2017 by Stephan Busch